Kindheit
im Wien der Nachkriegszeit

Wien, fünfter Gemeindebezirk, Siebenbrunnengasse – das war die Welt von Hildegard Bartek und Rudolf Prochazka. Aufgewachsen in einer Zeit, in der Krieg und Entbehrung zum Alltag gehörten, erzählen die beiden Geschwister heute mit bemerkenswerter Gelassenheit von ihrer Kindheit im zerbombten Wien der Nachkriegsjahre.

Es klingt fast wie ein „Abenteuer“: Luftschutzkeller, Pferdefleisch von russischen Soldaten, Kakerlaken in der Wohnung, selbst gebaute Fahrräder aus Altteilen – und mittendrin immer wieder: die Gemeinschaft der Nachbarn, die füreinander da waren.

Das CARE-Paket®: Ein unvergesslicher Moment

Auf einem historischen Foto aus der Pilgramgasse im fünften Bezirk sind Hildegard und Rudolf als Kinder zu sehen. Dort, wo damals Suppe ausgegeben und CARE-Pakete® verteilt wurden. Rudolf erinnert sich noch genau:

„Da war eine Ausspeisung. Da habe ich eine Suppe bekommen, die werde ich nie vergessen. Die war so gut! Ich hätte gerne einen zweiten Teller gehabt, war aber zu schüchtern zu fragen.“

Die CARE-Pakete® waren für die Kinder im Nachkriegs-Wien etwas ganz Besonderes. Hildegard Bartek erinnert sich lebhaft an den Inhalt:

„Da waren Karamellen drinnen. Gezuckerte Milch. Die Mutter hat ein Blech genommen und die Kondensmilch draufgegeben, in den Ofen reingestellt und dann geschnitten. Das waren die ersten Karamellen, die man bekommen hat.“

Hildegard Bartek und ihr Bruder Rudolf Prochazka mit anderen Kindern beim Auspacken eines CARE-Pakets im Juli 1948 Hildegard Bartek und ihr Bruder Rudolf Prochazka mit anderen Kindern beim Auspacken eines CARE-Pakets im Juli 1948

Auf diesen historischen Fotos vom Juli 1948 sind Hildegard Bartek (linkes Bild: links, rechtes Bild: kniendes Mädchen links) und Rudolf Prochazka (linkes Bild: Mitte, rechtes Bild: Bub in der Mitte ) als Kinder zu sehen. Foto: CARE

Solidarität als Überlebensstrategie

Was die Erinnerungen von Hildegard Bartek und Rudolf Prochazka besonders prägt, ist die Solidarität der Menschen untereinander. Als der Vater früh starb und die Mutter allein mit drei Kindern da stand, waren es die Nachbarn, die halfen: „Die Frau Leutner hat immer angerufen: ‚Ich habe wieder was für Sie.‘ Wirklich, wir hatten Nachbarn, die uns unterstützt haben.“

Auch die Firma Gebrüder Schiel, für die der Vater gearbeitet hatte, half der Familie nach dessen Tod: „Die haben uns monatlich mit 100 Schilling unterstützt.“

Die Mutter, eine passionierte Näherin mit einer alten Singer-Nähmaschine – das Schneiderhandwerk lag in der Familie, auch der Großvater war Schneider gewesen – arbeitete Kleidung, die den Kindern nicht passte, um: „Sie hat mir einen Mantel draus gemacht“, erinnert sich Rudolf Prochazka.

Hungrig? Fast nie – aber die Mutter schon

Auf die Frage, ob sie Hunger gelitten hätten, antworten die beiden nachdenklich: „Wir haben immer irgendwie was gehabt. Aber die Mutter hat sicher Hunger gelitten.“

Denn was auf den Tisch kam, war manchmal mehr als ungewöhnlich – etwa getrocknete Erbsen, die man erst wässern musste, damit die Würmer herausschwammen.

Hildegard Bartek und Rudolf Prochazka (4)

Hildegard Bartek und Rudolf Prochazka erzählen beim Besuch im Wiener CARE-Büro von ihrer Kindheit in der Nachkriegszeit. Foto: Lukas Kamleithner/CARE

Hildegard Bartek

An die Karamellen und die gezuckerte Milch aus dem CARE-Paket® erinnert sich Hildegard Bartek besonders gut. Foto: Lukas Kamleithner/CARE

Hildegard Bartek und Rudolf Prohazka (6) – Markiert

Die Geschwister Hildegard Bartek und Rudolf Prochazka halten ein historisches Foto in den Händen, auf dem sie als Kinder beim Auspacken eines CARE-Pakets® zu sehen sind. Foto: Lukas Kamleithner/CARE

Schöne Kindheit trotz vieler Entbehrungen

Trotz allem – oder vielleicht gerade deswegen – verbinden Hildegard und Rudolf mit ihrer Kindheit keine Bitterkeit. Sie erzählen von Ausflügen in den Waldmüllerpark, von heimlichen Fahrradtouren, die die Mutter nicht kennen durfte, und von einem Kuhstall mitten im fünften Bezirk. „Es war schön“, sagt Hildegard Bartek. Ihr Bruder nickt.

Dass ein CARE-Paket® damals mehr war als Nahrung – nämlich ein Zeichen, dass die Welt sie nicht vergessen hatte – das wissen beide noch heute: „Wir haben gewusst, dass das von Amerika gesponsert war.“

Hildegard Bartek (Jahrgang 1942) und Rudolf Prohazka (Jahrgang 1944) wurden als Kinder auf einem historischen Foto bei einer CARE-Ausgabestelle in Wien-Margareten fotografiert. Das Gespräch fand im Rahmen eines Besuchs bei CARE Österreich statt.

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