Leben im Stillstand

Elf Jahre nach der Gewalt in Sindschar und der Vertreibung Hunderttausender Jesidinnen und Jesiden sitzen viele weiter im Nordirak in Camps für Geflüchtete fest. Die Lage ist für sie sehr belastend. Sie leiden unter glühender Hitze, dem Gefühl ständiger Unsicherheit und fehlender medizinische Versorgung. Was als vorübergehende Zuflucht gedacht war, ist für die Vertriebenen zu einem dauerhaften Wohnort geworden – ein Leben im Stillstand, in dem die Aufarbeitung des Erlebten ein ständiger Überlebenskampf ist. Es fehlen Hoffnung und Perspektiven. Adana (24) lebt seit acht Jahren in einem der überfüllten Camps. „Nichts hat sich verändert. Es fühlt sich an, als würde der Genozid weitergehen, nur langsamer“, sagt sie.

Adana ist im Alter von 15 Jahren aus dem Sindschar verschleppt worden. Wie ihr erging es vielen Mädchen und Frauen. Adana wurde ein Jahr und sieben Monate lang festgehalten. Diese Zeit hat Spuren hinterlassen – auf ihrem Körper, in ihrer Stimme, in ihrer Erinnerung.

Sie erinnert sich an den ständigen Hunger, an den Durst und daran, wie ihre Kräfte nachließen. „Jeden Tag dachte ich, dass ich es nicht überleben würde“, sagt sie. In einer regnerischen Nacht gelang ihr die Flucht. Sie fand Aufnahme in einem Flüchtlingscamp. Sie freute sich, wieder in Freiheit zu sein, doch das bessere Leben, das sie sich erhoffte, lässt weiter auf sich warten.

CARE unterstützt vertriebene Jesiden und Jesidinnen im Nordirak. CARE unterstützt vertriebene Jesiden und Jesidinnen im Nordirak.

Psychologin Mariam unterstützt Frauen in den Camps für Vertriebene. Foto: Sarah Easter/CARE

In einem kleinen Container, in dem die Klimaanlage gegen die 50 Grad draußen ankämpft, arbeitet Mariam. Sie ist Psychologin bei „The Lotus Flower“, einer Partnerorganisation von CARE im Irak, und bietet psychosoziale Unterstützung für Frauen wie Adana an. „Es gibt viel Trauma in diesen Camps“, sagt Mariam. „Und es ist noch nicht vorbei. Wir sehen hier eine Generation, die davon geprägt ist. Die Erfahrungen der Eltern wirken sich auch auf ihre Kinder aus, die in den Camps aufwachsen. Erst vor wenigen Monaten wurde eine Frau zurückgebracht, nachdem sie aus den Händen ihrer Entführer freigekauft worden war. Solange noch Angehörige vermisst werden, geht das Trauma weiter.“

Die häufigsten Symptome, die Mariam in ihrer Arbeit begegnen, sind Depressionen, soziale Isolation und Suizidgedanken – selbst bei Kindern. Mariams Arbeit braucht Zeit, denn oft vergehen Monate, bis die Betroffenen ausreichend Vertrauen gefasst haben und der Heilungsprozess überhaupt beginnen kann.

Für Adana hat es mehrere Jahre gedauert, bis sie bereit war, das Erlebte in Worte zu fassen. „Wenn ich nicht darüber spreche, wer dann? Die Menschen müssen es von uns hören.“ Wie viele Überlebende von Gewalt hat sie Angst, erkannt zu werden. Sie fürchtet, von den Entführern wiedergefunden zu werden. Bis heute vermisst Adana eine ihrer Schwestern. Sie weiß nicht, ob sie noch am Leben ist oder irgendwo gefangen gehalten wird.

Eine zusätzliche Belastung ist, dass immer wieder darüber gesprochen wird, die Camps zu schließen. Darunter leiden die psychische Gesundheit und die emotionale Stabilität der Vertriebenen. Sie sind ohne Einkommen und haben keinen Zugang zu Bildung oder Gesundheitseinrichtungen.

Im Irak wurden etwa eine Million Menschen innerhalb des Landes vertrieben. Die meisten sind in Städten oder in informellen Siedlungen untergekommen. Rund 110.000 Menschen wohnen in 21 Geflüchtetencamps im Nordirak – die meisten von ihnen sind Jesidinnen und Jesiden. Insgesamt leben heute schätzungsweise 180.000 von ihnen weiterhin in Vertreibung.

Eine Rückkehr in ihre frühere Heimat Sindschar ist für die meisten nicht möglich. Mehr als zwei Drittel der privaten Häuser und große Teile wichtiger Infrastruktur wurden zerstört. Es gibt keine funktionierenden Schulen, keine Arbeitsmöglichkeiten, keine sicheren Straßen und keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung. Die Landwirtschaft, einst die wichtigste Einkommensquelle in der Region, ist zusammengebrochen. Dürre hat die Böden ausgetrocknet. Die Folgen des Klimawandels machen das Leben zusätzlich kaum erträglich.

Frauen wie Adana hält jedoch vor allem Angst von der Rückkehr nach Sindschar ab. Zu präsent ist die Vergangenheit mit Gewalt und Vertreibung. „Es gibt keine Garantie, dass es nicht wieder passiert. Es gibt keine Sicherheit für uns“, sagt sie.

CARE-Mitarbeiterin in blauem Poloshirt steht in einer provisorischen Siedlung mit einfachen Betonbauten und Zelten unter klarem Himmel. CARE-Mitarbeiterin in blauem Poloshirt steht in einer provisorischen Siedlung mit einfachen Betonbauten und Zelten unter klarem Himmel.

CARE-Krisenreporterin Sarah Easter in einem Camp für Vertriebene im Nordirak. Foto: CARE

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