Notausgang
unter Wasser

Notausgang unter Wasser: Mutter in Todesangst

„Wenn die Nachbar:innen anfangen zu schreien, wissen wir, dass wir fliehen müssen“, sagt Sawsan (32).  Zuerst dringt das Wasser durch Risse in ihr kleines Haus. Dann steigt es schnell. Die Matratzen, die in einer Ecke des Wohnzimmers aufgestapelt sind, werden als Erstes nass. Dann fällt der Strom aus, und es wird dunkel im Haus.

Sawsan lebt in Akkar im Norden des Libanon. Es ist ein tief gelegenes Gebiet mit schmalen Entwässerungskorridoren. Die Häuser und Felder des Dorfes liegen dicht am Fluss, der die Grenze zwischen dem Libanon und Syrien bildet. Landwirtschaft und Fischerei gehören hier zu den Haupteinkommensquellen.

Der Libanon leidet seit 2019 unter einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise. Die Armut hat stark zugenommen, die Beschäftigungsmöglichkeiten sind zurückgegangen und die Lebensmittelpreise sind gestiegen. Der Klimawandel sorgt für zusätzlichen Druck, da immer häufigere extreme Wetterereignisse die Landwirtschaft und die Lebensgrundlagen bedrohen.

In Akkar überschneiden sich diese Krisen. „Jedes Jahr kommen die Überschwemmungen. Aber jedes Jahr steht das Wasser höher und steigt schneller als im Jahr zuvor“, sagt Sawsan. Zu Beginn des Jahres 2026 werden Sawsans Zuhause und die Häuser ihrer Nachbar:innen von Abwasser überschwemmt. Für ihre Nachbarin Nadwa und ihre Kinder geht es um Leben oder Tod, als das Wasser schnell zu steigen beginnt.

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Sawsan zeigt die Verbindungstür von ihrem Haus zu dem ihrer Nachbarin Nadwa. Sie rettete Nadwa und ihren Kindern das Leben. Foto: Sarah Easter/CARE

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Nadwa tauchte mit ihren kleinen Kindern durch den Notausgang in Saswans Haus. So brachte sie ihre Familie in Sicherheit. Foto: Sarah Easter/CARE

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Saswan zeigt, wie hoch das Wasser bei den Überflutungen in ihrem Haus gestiegen war. Foto: Sarah Easter/CARE

Notausgang ins Leben

„Dieses Jahr floss das Wasser so schnell, dass es nur wenige Minuten dauerte, bis es uns über die Füße schwappte. Da flohen wir noch nicht, in der Hoffnung, es würde nicht so schlimm werden“, sagt Nadwa.

Dann reicht ihr das Wasser bis zu den Knien. Schnell steigt es bis zur Brust. Das Haus steht fast vollständig unter Wasser. Der Strom fällt aus, sodass die Familie im Dunkeln sitzt. Nadwa hat kleine Kinder bei sich. „Ich musste sie tragen, da sie im Wasser nicht mehr stehen konnten.“

Zwischen ihrem Haus und dem von Sawsan befindet sich eine kleine Notausgangstür. Sie wurde nach früheren Überschwemmungen und Konflikten eingebaut. Auch Akkar wurde bereits zuvor von Luftangriffen getroffen.

Während der Überschwemmung Anfang 2026 steht die Tür komplett unter Wasser. Sawsan zeigt im Foto oben, wo sie eingebaut ist. Nadwa kann die Öffnung nicht sehen. Sie muss sich im Dunkeln vorantasten. „Die Kinder waren geschockt und zitterten. Meine jüngste Tochter hatte viel Wasser geschluckt und hustete heftig. Ich fand keine Worte, um meine Kinder zu beruhigen, und irgendwann glaubte ich nicht mehr daran, dass sie das überleben würden.“

Nadwa bleibt nur der Ausweg, mit dem Kopf und den Kindern im Arm unter Wasser zu gehen. „Als ich zur überfluteten Tür tauchte, dachte ich, meine Kinder würden alle ertrinken.“ Dann findet sie die Öffnung. „Ich musste in der Dunkelheit herumtasten, um die Notausgangstür zu Sawsans Haus zu finden, und dann mit meinen Kindern im Arm hindurch auf die andere Seite tauchen.“

Die Tür führt sie hinaus und rettet ihnen das Leben. Als das Wasser zurückgeht, ist Nadwas Haus voller toter Insekten, Schlangen und Mist. „Es dauerte lange, das alles loszuwerden.“ Das Dorf ist überflutet. Die Felder sind zerstört. Die Flut kommt in der Nacht, also suchen die Nachbarn im Lichte der Scheinwerfer von Traktoren nach Menschen. Sie gehen von Haus zu Haus, um denen zu helfen, die noch im Inneren gefangen sind.

Nach der Flut entfernen die Familien den Schlamm und den Dreck. Sie versuchen, den Geruch der Überschwemmung zu beseitigen. CARE begutachtet Sawsans Haus im Hinblick auf notwendige Reparaturen. Ein Projekt von CARE zielt darauf ab, Häuser zu sanieren, Wasserversorgungssysteme und Rohrleitungen zu reparieren, die Stromversorgung wiederherzustellen und die Häuser wieder sicher und stabil zu machen.

Die Auswirkungen der Klimakrise bedeuten weiter Gefahr für das Dorf. Dennoch finden Sawsan, Nadwa und die Menschen im Dorf einen Weg, weiterzumachen. Sie nehmen Reparaturen vor und träumen von Häusern, wo verlässlich Strom fließt und neue Waschbecken stehen wie in den Sendungen im Fernsehen.

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