Sudan:
Kinder allein
auf der Flucht
Es war fünf Uhr morgens, als die Brüder die ersten Schüsse hörten. Panik brach aus. Menschen rannten in alle Richtungen. Auch die Mutter der beiden lief los. „Ich konnte nur ihren Rücken sehen, und dann war sie weg“, sagt Khamoun (13) und blickt zu Boden. „Wir konnten sie nicht finden. Es waren so viele Menschen. Es gab so viele Rücken, aber keiner davon gehörte unserer Mama.“
Khamoun und Juma (11) rannten alleine weiter – nur weg von den Schüssen und einfach irgendwo hin. Manchmal waren sie allein. Manchmal zogen sie mit Gruppen von Fremden weiter. „Wir sprachen nicht miteinander. Jeder hatte seine eigenen Probleme.“ Die Gruppen wurden mit der Zeit kleiner. Menschen verschwanden, kehrten um oder verirrten sich unterwegs. Die Brüder flohen weiter.
Wo ist unsere Mutter?
Anfangs stellte Juma noch viele Fragen: Wo ist unsere Mutter? Was macht sie? Lebt sie noch? Irgendwann hörte er auf. „Wir sind einfach weitergegangen“, sagt Khamoun. Sie schliefen unterwegs im Gebüsch. Sie gingen, wenn die Sonne schien, und versteckten sich, wenn sie unterging. Hunger und Durst bestimmten ihren Alltag. „Mitten am Tag war es sehr schwer für uns, wenn Hunger und Durst einsetzten. Also versuchten wir, schneller zu laufen, um wieder Menschen zu finden.“ Essen und Wasser bekamen sie von Menschen, denen sie begegneten: von Bewohner:innen von Dörfern oder anderen Geflüchteten.
Khamoun (13, l.) mit seinem Bruder Juma (11). Foto: Sarah Easter/CARE
Eine Tante im Südsudan hat die beiden unbegleiteten Geflüchteten bei sich aufgenommen. Foto: Sarah Easter/CARE
CARE betreibt ein Gesunheitszentrum im Südsudan. Für die Geflüchteten aus dem Sudan ist es weit und breit der einzige Ort, an dem sie Hilfe finden können. Foto: Sarah Easter/CARE
Im Gesundheitszentrum ist der Andrang jeden Tag groß. Foto: Sarah Easter/CARE
CARE-Krisenreporterin Sarah Easter im Südsudan. Foto: CARE
Sie erinnern sich nicht, wie lange sie auf der Flucht waren. „Es war sehr lange, Wochen oder Monate – ich weiß es nicht. Jeder Tag war genauso schwer wie der nächste. Wir sind einfach weitergelaufen, über Berge und durch die Wüste. Und jeden Tag waren wir weiter von unserer Mama entfernt.“ Wie durch ein Wunder schafften sie es zu ihrer Tante Bakhita, nachdem sie die Grenze zum Südsudan überquert hatten.
Erschöpft und entkräftet
Die Brüder fragten so lange, bis jemand ihren Namen kannte. „Wir weinten, als wir sie fanden“, sagt Khamoun. Bakhita war schon früher geflohen und hatte in der Nähe der Grenze in Jau Halt gemacht, zu erschöpft, um wie viele andere weiter ins Landesinnere zu ziehen. Sie blieb, obwohl es dort kaum etwas gab. Es ist eine kleine Siedlung, mit einem See als Wasserquelle und einer einfachen Gesundheitseinrichtung. Sie wird von CARE betrieben in einem Projekt finanziert vom deutschen Auswärtigen Amt.
Bakhita nahm ihre Neffen bei sich auf. Sie leben nun gemeinsam in einer kleinen Hütte, wenige hundert Meter von der Klinik entfernt. Juma war seit der Ankunft oft krank. Es ist unklar, ob es am dreckigen Wasser liegt oder an der langen Flucht. In der Gesundheitsstation bekommt er Hilfe. Oft ist er so erschöpft, dass er nicht aufrecht sitzen kann. Er bewegt sich langsam. Seine Augen sind eingefallen.
Menschen werden sterben
Das Gesundheitszentrum behandelt täglich 30 bis 40 Patienten. Malaria, Unterernährung sowie Betreuung von Müttern vor oder nach einer Geburt sind die häufigsten Fälle. Für viele ist es der erste und einzige Ort, an dem sie nach dem Überqueren der Grenze medizinische Versorgung erhalten. „Diese Gesundheitseinrichtung hat viele Leben gerettet“, sagt Peter, der klinische Mitarbeiter von CARE in Jau. „Wenn wir schließen müssen, dann werden Menschen sterben.“
Hier an der Grenze zum Sudan ist CARE die einzige Organisation, die Hilfe leistet. Das Projekt könnte jedoch bald auslaufen. Es fehlen die finanziellen Mittel, da weltweit die Budgets für humanitäre Hilfe gekürzt werden. Wenn es eingestellt wird, bekommen die Geflüchteten, die am Ende ihrer Kräfte ankommen, keine Unterstützung mehr.
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