"Warum haben
uns alle verlassen?"

Es bleibt noch ein kurzes Zeitfenster, um sich auf einen Super-El-Niño vorzubereiten, der Anfang Oktober beginnen wird. Die Vorbereitungen sollten beschleunigt werden, doch Dienstleistungen, Finanzmittel und Hilfskapazitäten schwinden.

„Was ist passiert? Warum haben uns alle verlassen?“, fragt die 42-jährige Fadumo (Foto rechts) in einem Camp für Vertriebene am Stadtrand von Mogadischu. Vor einem Jahr floh sie vor der Gewalt in der somalischen Region Hiiraan. Heute lebt sie mit ihrem geheingeschränkten Ehemann, ihrer Mutter, neun Kindern und sieben Kindern ihres Bruders zusammen.

Die Familie entkam einen Angriff auf ihr Dorf. Nun droht möglicherweise eine weitere Katastrophe für sie. Um sie herum laufen Kinder zwischen Unterkünften hin und her, die aus Stöcken, Stoff und Metallresten errichtet wurden. Der Boden ist trocken. Der Himmel ist klar. Doch in ganz Somalia richtet sich die Aufmerksamkeit auf die kommenden Wochen und Monate. Laut Prognosen ist davon auszugehen, dass die Flüsse Jubba und Shabelle nach außergewöhnlich starken Regenfällen über die Ufer treten. Somalias kurze Regenzeit dauert von Oktober bis Dezember.

Meteorologen bestätigen, dass 2026 ein Super-El-Niño-Jahr ist. Die Hochwasserereignisse sind eine Vorhersage. Sollten sie eintreten, würden sie Millionen von Menschen betreffen.  Wer entlang der Flussgebiete lebt, könnte mit Überschwemmungen in einem Ausmaß konfrontiert werden, das mit den verheerendsten Hochwasserkatastrophen des Landes vergleichbar ist.

SomaliaCampKinder

Noch deutet nichts auf den bevorstehenden Regen hin. Der Boden im Camp ist staubtrocken, die Sonne brennt vom Himmel. Foto: Sarah Easter/CARE

SomaliaFamiliePortraet

Fadumo mit einigen der Kinder, für die sie sorgt. Foto: Sarah Easter/CARE

SomaliaWasser

Fadumo schöpft Wasser aus einem Wasserhahn, um ihren Kanister zu befüllen. Foto: Sarah Easter/CARE

Somalia hat seit Jahren fast ununterbrochen Krisen erlebt: Dürre, Konflikte, Vertreibung, Ernährungsunsicherheit und wiederholte Wetter-Extreme. Millionen Menschen kämpfen bereits mit akuter Unterernährung. Millionen weitere wurden aus ihrer Heimat vertrieben.

Viele leiden noch immer unter den Folgen der El-Niño-Überschwemmungen von 2023. Häuser wurden weggespült. Vieh kam ums Leben. Bewässerungssysteme wurden zerstört. Menschen klammerten sich an Bäume, um ihr Leben zu retten. Ganze Gemeinden verloren die Lebensgrundlage.

„Werden wir heute essen?“

Fadumos Familie floh, nachdem ihre Gemeinde angegriffen worden war. „Unser Hof stand in Flammen. Bewaffnete Männer kamen und brannten einfach alles nieder. Sie töteten meinen ältesten Sohn, dann töteten sie meinen Bruder“, erinnert sie sich. Fadumo schaut weg, und das Gespräch wechselt von den Toten zu den Lebenden. Ihr elfjähriger Sohn ist nicht zu Hause. „Er geht ins Stadtzentrum von Mogadischu, um Schuhe zu putzen und so einen Lebensunterhalt zu verdienen.“ Die Familie (Foto rechts) lebt größtenteils von dem, was er mitbringt. An guten Tagen sind es fünf Dollar. Oft weniger. „Gestern kam er mit 2,5 US-Dollar nach Hause. An anderen Tagen kommt er ohne Geld wieder“, sagt Fadumo.

Sie selbst leidet unter gesundheitlichen Problemen und kann die Unterkunft nur selten verlassen. Für die Familie gibt es eine Mahlzeit am Tag, wenn sie es sich leisten kann. „Heute habe ich nichts zu essen im Haus. Wir warten, dass mein Sohn zurückkommt. Erst dann weiß ich, ob wir heute etwas zu essen bekommen.“

Afrikanische Frau mit violettem Kopftuch und gelbem Stirnband steht frontal vor großem Flüchtlingslager mit hunderten bunten Zelten und Provisorien auf sandiger Ebene Afrikanische Frau mit violettem Kopftuch und gelbem Stirnband steht frontal vor großem Flüchtlingslager mit hunderten bunten Zelten und Provisorien auf sandiger Ebene

"Die Hilfsangebote für uns wurden eingestellt. Und wir haben kein Geld mehr", sagt Fadumo. Foto: Sarah Easter/CARE

Rund 1.280 Familien leben bereits hier im Camp. Allein im letzten Monat kamen weitere 700 hinzu, die durch Konflikte und Dürre aus ihrer Heimat vertrieben worden waren. Jeder verfügbare Platz ist belegt. Die Gebäude, in denen einst Schulungen, Frauenprogramme und andere humanitäre Dienste stattfanden, dienen nun als Unterkünfte. Familien schlafen auf dem Boden, wo früher Hilfsmaßnahmen durchgeführt wurden.

Seit Mai ist die humanitäre Hilfe ausgesetzt worden. Gesundheitsversorgung gibt es nicht mehr. Wasserverteilung und Nahrungsmittelhilfe fallen aus. Bargeldhilfe existiert nicht mehr. „Alles ist so teuer geworden. Wir haben kein Geld mehr. Alles ist zum Stillstand gekommen.“

Zeitfenster schließt sich

Nun, da die Sorge darüber wächst, was diese Regenzeit mit sich bringen könnte, sehen sich Helfer:innen und lokale Behörden mit einer anderen Realität konfrontiert als noch im Jahr 2023. Damals standen mehr Ressourcen zur Verfügung, um zu reagieren. Heute ist das Gegenteil der Fall. In einigen Gebieten haben Gesundheitszentren bereits ihre Türen geschlossen, darunter 50 Gesundheitseinrichtungen von CARE. Weitere sind gefährdet, wenn die Finanzierungslücken anhalten.

Die Kosten sind gestiegen. Die Ressourcen sind geschrumpft. Gerade jetzt, wo die Vorsorge verstärkt werden sollte, fehlt es an Mitteln. Viele lebensrettende Programme werden zurückgefahren oder eingestellt. Die Folgen dieser Lücke werden möglicherweise erst sichtbar, wenn die Regenfälle einsetzen. Dann wird es zu spät sein, um Vorbereitungen zu treffen.

In dem Camp, wo Fadumo lebt, diskutiert niemand Klimaprognosen in Fachbegriffen. Sie sprechen über Platz, über Essen. Darüber, wo man heute Gelegenheitsarbeit findet. Wohin man seine unterernährten Kinder bringen soll. Ob es genug Wasser geben wird.

Humanitäre Hilfe hilft den Menschen zu überleben. Aber Überleben allein bedeutet noch keinen Wiederaufbau eines Lebensunterhalts. Die Frage ist, ob die Welt handeln wird, bevor das Wasser kommt. Denn wenn Katastrophen Bevölkerungsgruppen treffen, die keine Ersparnisse, keine Unterstützungssysteme mehr haben und nirgendwo anders hingehen können, lässt sich der Wiederaufbau nicht mehr in Monaten oder Jahren erfassen. Für viele Familien stellt sich die Frage, ob sie überhaupt überleben.

"Wo gibt es Essen? Wo können wir unterernährte Kinder hinbringen?" Solche Fragen beschäftigen Familien im Camp für Vertriebene. Foto: Sarah Easter/CARE

Sie wollen Familien in Not helfen?

Dann unterstützen Sie den Einsatz von CARE mit einer Spende!

Spenden Sie jetzt!

Zurück nach oben