Ukraine: Fenster in die Zukunft

Annas Haus in Izium hat elf Fenster. Alle zerbarsten, als bei einem nächtlichen Drohnenangriff eine alte Fabrik in der Nähe zerstört wurde. Das Dach ihres Zuhauses zerbrach, und auch die schwere Eingangstür wurde durch die Wucht der Explosionen eingedrückt und nach innen gebogen. Anna (40) und ihre Familie überlebten am Boden liegend in einem Regen von Glassplittern.

Danach deckten sie die Fenster mit Holzplatten ab, um Regen und Insekten fernzuhalten. „Es war wie in einem dunklen Keller“, sagt Anna. „Wir konnten nicht zwischen Tag und Nacht unterscheiden. Das war psychisch sehr belastend. Meine Tochter Sasha wachte oft früh auf und fragte mich: ‚Ist es Morgen oder Nacht? Ich verstehe das nicht.‘“ Anna hat noch einen Sohn (17) und ihren pflegebedürftigen Vater, der auch mit ihnen im Haus lebt.

Anna überlegte, sich für staatliche Wiederaufbauhilfe anzumelden, aber die Wartezeit betrug mindestens sieben Monate. Zudem konnte sie sich die 20-prozentige Zuzahlung nicht leisten. Die Reparatur eines einzigen Fensters kostet etwa 250 Euro. Anna musste elf Fenster reparieren lassen. „Ich war so gestresst, als ich an den kommenden Winter dachte. Ich hatte Angst, dass ich die Kälte mit kaputten Fenstern überstehen müsste.“ Dann erzählte ihr eine Freundin von der CARE-Partnerorganisation CFSSS. Sie rief dort an und bat um Unterstützung. Im September 2025 kam ein Team und reparierte alle elf Fenster. Als das Licht zurückkehrte, stand Sasha (8) im Zimmer und sagte: „Wow, es ist so hell im Haus!“

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Die von einer Partnerorganisation von CARE reparierten Fenster in Annas Haus in Izium. Foto: Sarah Easter/CARE

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CARE-Krisenreporterin Sarah Easter vor zerstörten Gebäuden in Izium in der Ukraine. Foto: CARE

Anna versucht, ihre Familie zu schützen und dennoch ein Einkommen zu erzielen, um sie zu versorgen. Sasha hat in Izium Online-Unterricht. In die Schule zu gehen, wäre zu gefährlich. Das Schulgebäude in der Nähe ist eine Ruine, die nicht mehr aufgebaut wurde.

Anna kann nur noch ein paar Stunden arbeiten, weil sie Sasha und ihren Vater nicht lange allein lassen kann. „Mein Job reicht aus, um die Grundbedürfnisse wie Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs zu decken. Aber wir haben nicht genug Einkommen, um neue Winterkleidung zu kaufen. Alles ist zu teuer geworden. Der Winter kommt und unsere Ausgaben – insbesondere für die Nebenkosten – sind sehr hoch.“

Sashas kleiner Schreibtisch ist mit buntem Papier, Büchern und Stiften bedeckt. Ein Matheheft ist aufgeschlagen: 7 – 3 = 4. Daneben liegt ein Stundenplan, der mit Figuren aus „My Little Pony“ verziert ist. Der Montag beginnt mit „Ich erkunde die Welt“. Das ist Sashas Lieblingsfach, gefolgt von Ukrainisch, Sport, Englisch und endet nach der 5. Stunde mit Lesen.

Sasha fehlt ihr richtiges Klassenzimmer. „Ich vermisse die echte Schule und meine Freund:innen und Lehrer:innen.“ Im Fach „Ich erkunde die Welt“ darf sie kurz das Haus verlassen. Die Aufgaben sind kleine Erkundungen – Wasser einfrieren oder kochen oder verschiedenfarbige Blätter sammeln. Sasha erforscht den Garten und das Haus, entfernt sich aber nie zu weit und steht immer unter der Aufsicht ihrer Mutter.

Draußen laufen Hühner und Gänse frei herum. Die zerbrochene und verbogene ehemalige Haustür liegt neben dem Haus im Gras. Die Holzrahmen, die bei den Explosionen zerbrochen sind, werden als Brennholz verwendet. Die Fenster des Nachbarhauses sind immer noch mit Brettern vernagelt.

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Sasha hat aus Sicherheitsgründen nur noch Online-Unterricht. Foto: Sarah Easter/CARE

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Anna steht im Garten ihres Zuhauses. Die Fenster des Nachbarhauses konnten noch nicht ersetzt werden und sind weiter mit Brettern vernagelt. Foto: Sarah Easter/CARE

Für Familien wie die von Anna in Izium bedeutet jedes reparierte Fenster, jedes wiederhergestellte Dach und jede wiederhergestellte Tür einen Weg zurück ins Leben und zur Normalität. Es bedeutet Würde, Sicherheit und die Rückkehr kleiner Routinen, die das Leben wieder menschlich machen. Im Winter werden die neuen Fenster die Kälte abhalten, damit die  Wärme im Haus bleibt, während Sasha ihre Matheaufgaben löst oder auf kurze Entdeckungsreisen für die Schule geht. Viele Familien leben jedoch immer noch jeden Tag in Dunkelheit und wissen nicht, wie sie sich im Winter warmhalten werden können.

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