Iryna und ihre 180 Kinder

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Ein verlassenes ukrainisches Feriencamp im Wald: Vertriebene aus anderen Teilen des Landes haben hier Schutz und gegenseitige Unterstützung gefunden. Die für Kinder in den Schulferien im Sommer ausgelegte Infrastruktur konnte kaum mithalten, als die Einrichtung plötzlich rund 800 Geflüchtete beherbergen musste. Die neue Gemeinschaft bringt jedoch trotz Raumnot und fehlender Versorgung auch Trost und Solidarität hervor.

„Es gibt eine Dusche für fünfzig Personen. Und nur hundert Liter Warmwasser“, berichtet Iryna (36). Sie kam 2022 mit ihrer Mutter und ihrem Sohn im Teenageralter in die Unterkunft. Oft gab es nur kaltes Wasser, wenn sie an der Reihe waren. Das Ferienlager hat auch nur wenige Toiletten und nicht ausreichend Waschmaschinen. Auf fünfzig Personen kommt ein WC. Eine Waschmaschine müssen sich rund hundert Bewohner:innen teilen. Für Duschen und Waschen erstellen sie Zeitpläne, damit die begrenzten Kapazitäten für alle reichen. Die Küche wird gemeinsam genutzt. Im ersten Winter bauten die geflüchteten Familien selbst ein behelfsmäßiges Heizsystem in der Anlage in der Nähe von Dnipro, die zuvor nie für die ganzjährige Nutzung gedacht war. Wo früher Ferienstimmung, Freude und Unbeschwertheit herrschten, finden sich nun Menschen zusammen, die alles verloren haben. Doch gemeinsam zu leben macht ihnen Mut, wieder an die Zukunft zu denken.

„Wir kochen zusammen. Wir weinen zusammen. Wir unterstützen einander“, sagt Iryna. Die Bewohner:innen verlassen sich aufeinander, teilen Verantwortung und helfen denjenigen, die es am dringendsten brauchen. Iryna, die eine medizinische Ausbildung hat, findet hier eine neue Aufgabe. Sie wird für die Bewohner:innen zur Ansprechpartnerin für die grundlegende Versorgung und zur Organisatorin im Haus. Iryna kontaktiert humanitäre Organisationen und bittet um Unterstützung für das einstige Ferienlager, wo sie und die anderen Vertriebenen leben. „Avalyst“, eine Partnerorganisation von CARE, reagiert auf den Aufruf und schickt eine Mitarbeiterin. „Alle Kinder liefen ihr bei der Ankunft entgegen, um sie zu begrüßen“, erzählt Iryna. „Sie fragte mich: ,Sind das alle deine?‘ Und ich lachte und sagte: ,Ja, alle 180.‘“

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Iryna (r.) und ihre Kollegin Tatiiana packen ihre Notfallsets, um schnell helfen zu können. Foto: Sarah Easter/CARE

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Iryna betreut Teilnehmende einer Gruppe, die psychologische Unterstützung erhalten. Foto: Sarah Easter/CARE

„Tante Iryna“ nennen sie die Kinder, die in der Einrichtung wohnen, bis heute. Sie sorgt jetzt auch beruflich für sie. Iryna wurde zur humanitären Helferin und ist seit 2025 im mobilen Team von „Avalyst“. Gemeinsam mit der Psychologin Tatiiana reist sie durch die Region und leitet psychologische Unterstützungssitzungen, die Kunst, Gespräche und Bewältigungsstrategien kombinieren. Einmal pro Woche kehrt sie in das Ferienlager zurück, wo ihre Mutter und ihr Sohn (18) noch immer leben. Auch hier gibt es die Treffen, bei denen die Bewohner:innen zusammenkommen und sich austauschen können. Iryna ist in ihrem Element. Sie trägt ein Erste-Hilfe-Set immer an ihrem Gürtel und weiß, wo der Schutzraum für Notfälle ist. Die Teilnehmenden der heutigen Gruppe warten schon. Das Thema lautet diesmal „Emotionen“. Sie werden gemeinsam über Gefühle sprechen und Kerzen basteln.

Iryna ist es gelungen, im Trauma ihrer Vertreibung einen Sinn zu finden und für sich einen neuen Beruf daraus zu schaffen. „Ich habe den Menschen im Camp versprochen, dass ich Hilfe organisieren würde“, sagt sie entschlossen. „Und das habe ich getan. Das tue ich immer noch.“ In das frühere Feriencamp bringt Iryna nach wie vor Lebensmittel und Hygieneartikel mit und gibt sie an die Bedürftigsten weiter. Wichtig für die Vertriebenen ist auch, dass Iryna ihnen Zuversicht vermitteln kann, weil sie eine von ihnen ist. „Wenn ich all das überwinden kann – das Trauma, den Schmerz, die Flucht vor dem Krieg, den Verlust meines Arbeitsplatzes – dann können es andere auch schaffen“, sagt sie. „Ich sage den Menschen, dass es immer einen Ausweg gibt. Dies schafft eine Verbindung zu ihnen.“

Die Hilfe in der Notunterkunft wurde ermöglicht durch das Projekt „Förderung von Resilienz und Schutz durch umfassende Unterstützung für gefährdete Bevölkerungsgruppen in der Ostukraine“. Dieses Projekt wird im Rahmen von International Partnerships Austria aus Mitteln des Auslandskatastrophenfonds gefördert. Lesen Sie hier mehr. 

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