Vom Schock zum Überleben

Ich bin als Krisenreporterin von CARE seit 2022 jedes Jahr in der Ukraine. Ich treffe viele Menschen und höre von unzähligen Schicksalen. CARE unterstützt die Bevölkerung in der gesamten Ukraine seit den ersten Wochen des groß angelegten Angriffs – und passt sich den Veränderungen des Krieges und den Bedürfnissen der Menschen an. Diese Fotostory zeigt, wie sich der Krieg, die Menschen und die humanitäre Hilfe in vier Jahren verändert haben.

2022: Schock und Flucht

Im Frühjahr 2022 ist Kiew fast menschenleer. Viele fliehen aus der Ukraine in den Westen. In den ersten Monaten flüchten mehr als zwölf Millionen Menschen aus ihren Häusern. Sechs Millionen überqueren die Grenze und suchen im Ausland Schutz.

Sechs Millionen Menschen werden innerhalb der Ukraine vertrieben. In Städten im Westen des Landes erhoffen sich viele mehr Sicherheit. Den größten Zustrom erlebt die Stadt Lwiw. Überall, wo Platz für Matratzen ist, werden Notunterkünfte eingerichtet: in Schulen, Fußballstadien, Bahnhöfen und Bürogebäuden. CARE beginnt seine Arbeit mit Partnerorganisationen in Lwiw. Notunterkünfte, wie im Fußballstadion von Lwiw, werden mit Hilfsgütern versorgt. Wir unterstützen die Einrichtung von Notunterkünften für Frauen und Familien.

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In Kiew schlafen 2022 viele Menschen im Bahnhofsgebäude. Foto: Sarah Easter/CARE

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Luydmila (38) ist 2022 als Freiwillige in der humanitären Hilfe im Einsatz. Sie fährt durch zerstörte Dörfer westlich von Kiew und sucht nach zurückgelassenen Menschen. In ihrem Kofferraum hat sie tausend schwarze Leichensäcke, um diejenigen zu begraben, die sie tot auffindet. Foto: Sarah Easter/CARE

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Im Fußballstadion von Lwiw versorgt CARE vertriebene Familien mit Hilfsgütern. Foto: Sarah Easter/CARE

2023: Anpassung

Im zweiten Jahr ist die Hilfe gut organisiert und erreicht auch Städte in der Nähe der Front wie Cherson, nur zwei Kilometer von den aktiven Kampfhandlungen entfernt. Hier klingen Explosionen wie fernes Donnergrollen. Die Menschen verlassen ihre Häuser nur für das Nötigste: Lebensmittel, Wasser und Hilfsgüter. CARE arbeitet mit Partnerorganisationen zusammen, um Winterartikel wie Heizgeräte, Schlafsäcke und feste Brennstoffe in Cherson zu verteilen.

Sviatlana (40) steht in der Schlange und wartet auf Winterartikel. Wenn sie sich in Cherson im Freien aufhält, rennt sie nur. „Ich mache das, damit ich kein leichtes Ziel bin“, sagt sie. Sie hält sich dicht an den Wänden, lauscht auf das Pfeifen herannahender Raketen und eilt dann zurück in den Keller, in dem sie sich versteckt.

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Sviatlana stellt sich um Hilfsgüter an. Wie viele Menschen in der Ukraine braucht sie Unterstützung von Hilfsorganisationen.Foto: Sarah Easter/CARE

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"Menschen" schreibt Olga (60) mit Kreide an den Eingang ihres Kellers in Sviatohirsk, wo sie fast hundert Tage mit ihrem Mann, zwei Katzen und zwei Hunden ausharrt. Foto: Sarah Easter/CARE

2024: Erschöpfung und Eskalation

In Sviatohirsk scheint sich das Leben im dritten Kriegsjahr zu stabilisieren. Die Geschäfte öffnen wieder. Olga (Foto) muss nicht mehr in ihrem Keller schlafen. In der Ferne sind immer noch Explosionen zu hören. Olga zuckt nicht mehr bei jedem Schuss zusammen.

Doch das Wasser im Ort ist verseucht. Olga trinkt jetzt nur noch Wasser aus Flaschen, das eine Partnerorganisation von CARE liefert. Sie möchte weiter in ihrer Heimat bleiben und denkt, dass die Lage nun besser ist. Aber die Front verschiebt sich erneut. Die Partner von CARE müssen die Wasserlieferungen einstellen. Sie können die Menschen wegen der Kämpfe nicht mehr erreichen. Olga, die einst sagte, sie würde ihr Zuhause niemals verlassen, muss weg und wird nach Odessa gebracht.

Auch in Pokrowsk bringt das dritte Jahr Veränderung. Zu bleiben, wird immer gefährlicher. CARE beginnt, gemeinsam mit einer Partnerorganisation die täglichen Evakuierungsbusse zu unterstützen, die Bewohner:innen aus der Stadt holen und zu Transitzentren in Pawlograd fahren.

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Olga steht mit ihrem Hund Sandra vor ihrem zerstörten Haus. Trotz aller Schwierigkeiten möchte sie bleiben, doch der Krieg zwingt sie am Ende, ihr Zuhause zu verlassen. Foto: Sarah Easter/CARE

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Vitalii war einst Fahrer eines öffentlichen Busses. Jetzt bringt er unter Beschuss und in einer kugelsicheren Weste ältere Bewohner:innen aus der unmittelbaren Gefahrenzone. Foto: Sarah Easter/CARE

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Ein Fahrgast in Vitaliis Bus ist Larisa (66). Sie kommt nur mit ihrem Mantel und ihrer Handtasche im Transitzentrum an, das in einem ehemaligen Theater untergebracht ist. "Ich wurde vergessen", sagt sie. Eine Partnerorganisation von CARE unterstützt sie dabei, eine Unterkunft zu finden. Foto: Sarah Easter/CARE

2025: Normalisierung des Unvorstellbaren

Im vierten Kriegsjahr intensivieren sich die Angriffe und eskalieren weiter. Im Jahr 2025 werden in der Ukraine durchschnittlich 92 Drohnenangriffe pro Tag registriert. Zivile Infrastruktur, Energieanlagen und Wohngebäude werden wiederholt angegriffen. Mehr als 70 Prozent des Stromnetzes des Landes wird beschädigt oder vernichtet. In Izium (Foto) ist die Zerstörung Teil des Stadtbildes geworden.

Nina (72, Foto) überlebt einen Raketeneinschlag in der Nähe ihres Hauses. „Es gibt ständig Explosionen, daher bin ich immer auf das Schlimmste vorbereitet“, sagt sie. Nina hortet alles, was sie für nützlich hält, um Angriffe zu überstehen. Das hat sich bewährt. Als Izium besetzt wird, rettet sie ein Notvorrat von Weizen in einem Kübel.

Weiter südlich in Saporischja leben Stanislav (81) und seine Partnerin Katerina in einem kleinen Zimmer in einem ehemaligen Studentenwohnheim. Wie viele andere vertriebene Familien sind sie auf Lebensmittelverteilungen und humanitäre Hilfe angewiesen, um den Winter zu überstehen. Steigende Kosten und sinkende Finanzmittel erschweren die Aufrechterhaltung der Hilfe, obwohl der Bedarf wächst.

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In Izium ist die Zerstörung überall zu sehen. Foto: Sarah Easter/CARE

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Nina (72) schaut auf ihrem Handy, ob vor Angriffen gewarnt wird. "Ich bin immer auf das Schlimmste vorbereitet", sagt sie. Foto: Sarah Easter/CARE

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Stanislav (81) verliert sein Zuhause, als die Front näherrückt. Foto: Sarah Easter/CARE

2026: Anpassung und Erschöpfung

Vier Jahre nach der Eskalation des Krieges in der Ukraine ist aus Schock Anpassung geworden. Aus Anpassung wurde Erschöpfung. Aus Erschöpfung geht etwas hervor, das wie Routine aussieht. Keller werden zu Wohnungen. Flure werden zu Schlafzimmern. Theater werden zu Schutzräumen. Bahnlinien werden zu Evakuierungswegen.

Der Winter jetzt verschärft die Belastung, da Kraftwerke und Heizwerke immer wieder getroffen werden. Die Heizung fällt aus. Strom gibt es nur für ein paar Stunden am Tag, manchmal tagelang gar nicht. Die Straßen bleiben dunkel und vereist.

Die Angriffe können jeden Tag jeden Ort, jede Straße, jedes Haus, jeden Menschen erreichen. Die Entfernung zur Front bietet keinen Schutz mehr, da Drohnen mit Jetantrieb mittlerweile eine Reichweite von Hunderten von Kilometern haben. Fast jede Nacht bringt neue Rekorde bei der Zahl der gestarteten Drohnen, abgefeuerten Raketen und getroffenen zivilen Einrichtungen.

Gleichzeitig lässt die internationale Aufmerksamkeit nach. Die Finanzierung zu sichern, ist schwierig. Hilfsprojekte werden ausgesetzt, reduziert oder eingestellt. Hilfsorganisationen setzen ihre Arbeit fort, wo und wie sie können. Auch CARE und seine Partnerorganisationen machen weiter. Wir bleiben in der Ukraine an der Seite der Menschen in Not.

Lesen Sie hier mehr über aktuelle Projekte von CARE mit Unterstützung der Austrian Development Agency im Rahmen von International Partnerships Austria und mit NACHBAR IN NOT: 

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