Nachts gefriert im Zelt das Wasser

Wenn Hayats Trinkwasser über Nacht festfriert, zerbricht sie die Eisdecke im Wasserfass mit einem Löffel. Manchmal ist das Eis morgens bis zu vier Zentimeter dick. Der 76-Jährigen fehlt der Brennstoff für den kleinen Ofen in ihrem Zelt. Nachts sinken die Temperaturen im Norden Syriens deutlich unter den Gefrierpunkt. Letzten Winter brachte ihr eine Hilfsorganisation Heizmaterial. Doch seit die Mittel gekürzt wurden, ist es in Hayats Unterkunft nur noch kalt. Sie hat kaum Geld für Lebensmittel und schon gar nicht fürs Heizen.

Zelt Nummer 23 ist seit über einem Jahr ihr Zuhause. Davor gab es andere Orte. Zu viele, um sich an alle zu erinnern. „Es waren mindestens zwanzig in den letzten zehn Jahren“, sagt die Witwe. Jedes Mal zog sie weiter, weil es unmöglich wurde, zu bleiben. Manchmal waren es die Bomben. Manchmal die Mietkosten. Manchmal beides. Das Dach über ihrem Kopf besteht schon lange aus einer Plane. Ihr Unterschlupf ist beengt, vollgestopft mit Taschen, Pappe zum Verbrennen, Wolle und Stricknadeln.

Kein Strom, kaum noch Vorräte

Eine Decke über dem Eingang hält die Kälte fern so gut es eben geht. Im hinteren Teil steht ein Kühlschrank. „Er war ein Geschenk von Verwandten, aber ich kann mir den Strom dafür nicht leisten“, erklärt Hayat. Sie bewahrt darin wie in einem Schrank Lebensmittel auf – wenn denn welche übrig sind. Hayat hebt eine Schüssel mit gekochtem Reis heraus. „Das ist das einzige Essen, das ich noch habe.“

Hayat war Lehrerin und zog alleine zehn Kinder groß. Ihr Mann starb, als ihr jüngster Sohn ein Jahr alt war. Im Krieg in Syrien verlor sie vier Söhne. Zwei leben in der Türkei und schicken ihr manchmal Geld. Ihre vier Töchter hat sie lange nicht gesehen. Wie ihre Mutter sind sie Vertriebene, die von einer Notunterkunft zur nächsten ziehen.

SyrienHayatZelt

Zelt Nummer 23 ist seit einem Jahr Hayats Zuhause. Ihr Unterschlupf ist beengt, vollgestopft mit Taschen, Pappe zum Verbrennen, Wolle und Stricknadeln. Foto: Sarah Easter/CARE

SyrienHayatReis

Ein wenig gekochter Reis ist die einzige Nahrung, die Hayat noch hat. Foto: Sarah Easter/CARE

SyrienHayatStricken

Hayat strickt gegen die Kälte an. Das hält sie in Bewegung. So denkt sie nicht nach über alles, das sie verloren hat. Foto: Sarah Easter/CARE

SyrienHayatWeste

Hayat strickt Kleidung, die sie manchmal verkaufen kann. Von CARE und "Nachbar in Not" erhält sie Nothilfe. Foto: Sarah Easter/CARE

SyrienWinterhilfe

Eine Bargeldhilfe von 180 US-Dollar verschafft ihr ein wenig Luft in ihrem Kampf ums Überleben. Foto: Sarah Easter/CARE

Hayat strickt gegen die Kälte an. Damit verbringt sie ihre Tage. Die Bewegung beim Stricken hält sie warm, und die Handarbeit bringt sie vom Grübeln ab. Ihre handgefertigten Kleidungsstücke haben meist ihre Lieblingsfarbe lila. Sie trägt in der kalten Jahreszeit mehrere Strickpullover übereinander.

Manchmal kann Hayat ihre Strickwaren in einem kleinen Laden verkaufen. „In einem guten Monat verdiene ich so fünf oder zehn Dollar.“ Aber das reicht nicht. Ihre Nachbar:innen können ihr auch nicht aushelfen. „Wir sind alle arm. Wir können uns nicht einmal selbst helfen“, sagt sie.

„Wir überleben mit nichts“

Lebensmittel kauft Hayat auf Kredit in lokalen Geschäften. Wenn sie nicht zurückzahlen kann, wird auch das nicht mehr möglich sein. Jetzt im Winter hat CARE über seinen Partner Shafak Bargeldhilfe geleistet. Das wurde finanziell unterstützt von Nachbar in Not.

„Ich habe 180 US-Dollar erhalten. Ohne dieses Geld hätte ich nicht gewusst, wie ich weitermachen soll“, sagt Hayat. Sie zahlte damit einen Teil ihrer Schulden zurück und die Kosten für einen dringend nötige medizinische Behandlung. Das verschaffte ihr Zeit. Aber keine Sicherheit. Der Krieg habe sie gelehrt, „mit nichts zu überleben.“

SyrienHayatWasser

Mit diesem Löffel zerschlägt Hayat die Eisdecke, wenn das Wasser in ihrem Faß über Nacht festgefroren ist. Foto: Sarah Easter/CARE

SyrienHayatSocken

Hayat trägt mehrere Socken übereinander. Sie hat sie selbst gestrickt. Foto: Sarah Easter/CARE

SyrienHayatZelt23

"Helft uns! Gebt uns bitte nicht auf", sagt Hayat, bevor sie in ihr Zelt zurückkehrt. Foto: Sarah Easter/CARE

„Gebt uns nicht auf!“

Hayat dankt allen, die für Menschen in Syrien gespendet haben. Doch auch jetzt nach dem Krieg kämpfen die Vetriebenen, die alles verloren haben, weiter jeden Tag ums Überleben. Hayat und die anderen Bewohner:innen der Zelte spüren schmerzlich, dass humanitäre Organisationen weniger Hilfe leisten können, weil die Mittel fehlen.

„Wenn es noch Menschen auf der Welt gibt, die uns helfen können, dann helft uns bitte!“, sagt Hayat. „Gebt uns nicht auf!“  Sie geht zurück in ihr Zelt Nummer 23, zieht ihre gestrickten lila-gelben Socken höher über die Knöchel und greift wieder nach ihren Stricknadeln.

Sie wollen Menschen in Syrien helfen?

Dann unterstützen Sie den Einsatz von CARE mit einer Spende!

Spenden Sie jetzt!

Zurück nach oben